Wandern war scheiße … … ist aber geil

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Ich weiß nicht, ob es jedem Kind so geht, aber Wandern fand ich früher total scheiße. Glücklicherweise bin ich nicht in einer wanderbegeiserten Familie aufgewachsen, sodass mir das eigentlich egal sein konnte. Ich habe nur alljährlich im Sommer mitbekommen wie meine Tante mit meinem Onkel ins Stubaital zum Wandern gefahren sind. Jedes Jahr! Und jedes Jahr haben sie mir erzählt wie toll das war … gähn!

Jetzt, viele Jahre später wird mir erst bewusst, dass ich wandern schon immer toll fand, ich habe es nur mit falschen Augen gesehen.

Kurz vor meinem 13. Geburtstag verbrachte ich den Sommerurlaub mit meiner Mutter in Thiersee in Tirol. Ein verschlafener Ort, wo es nichts gibt, was einen fast Dreizehnjährigen vom Hocker haut. Also hatte meine Mama die Idee, dass wir nach Kufstein laufen, um mir ein Geburtstagsgeschenk zu kaufen.
Geile Nummer, da war ich natürlich dafür. Geburtstags-Shoppen! Mega! Ausgesucht habe ich mir einen Revell Bausatz eines Sattelschleppers.
Der Sattelschlepper war toll und stand aufgebaut noch viele Jahre bei mir im Regal. Aber mindestens genauso gut war die Wanderung von Thiersee nach Kufstein und zurück. Ja, das war eine Wanderung. Mir war das nur nicht bewusst. Das war spannend, das war ein Abenteuer. Voll gut! Aber selbst bin ich nicht auf die Idee gekommen, dass es eine Wanderung war.

Acht oder neun Jahre später – ich wohnte damals in Allensbach am Bodensee – fand ich wandern immer noch scheiße. Trotzdem genoss ich den Spaziergang zum Supermarkt und dehnte die Routen dorthin immer weiter aus. Das tat gut, das war schön. Mein Mitbewohner fuhr ständig mit dem Auto, während ich immer größere Umwege lief … als Wanderung würde ich das auch heute nicht bezeichnen, obwohl ich diese “Shopping-Spaziergänge” unbewusst aus denselben Gründen machte, aus denen ich jetzt wandern gehe.

Wieder ein paar Jahre später – ich wohnte zwischenzeitlich in Berlin – erkundete ich die ganze Stadt zu Fuß. Stundenlang. Tagelang. Immer wieder andere Routen. Das war wandern. Ganz klar. Aber auch damals war mir das nicht bewusst. Auch damals fand ich wandern noch scheiße. Irgendwann zogen meine jetzigen Schwiegereltern aus der Stadt ins Umland. (Da wohne ich jetzt auch.) Damals bin ich ab und zu zu ihnen gelaufen. Über 20 km … das war genial, aber gewandert bin ich für mich trotzdem nicht.

Das bin ich auf einer meiner Touren 2006. Keine Ahnung, ob ich da gerade saure Pommes im Mund habe … 🙂

Das ist zum Glück nicht mein Fahrrad. Kuriositäten fotografierte ich viele.

Ein anderes Mal fragte ich meinem Kumpel Timo, ob wir nicht um den Müggelsee laufen wollen. Auch diese Route muss über 20km gewesen sein. Wir hatten Proviant dabei und auch während dieser Tour einiges erlebt. Aber nein, es war nicht wandern. Für mich war es ein langer Spaziergang. Wie dämlich!

Auch auf Reisen bin ich unbewusst gewandert. Bspw. in Brasilien von Pecem nach Taiba den Strand entlang oder von der Ilha de Guajiru nach Itarema. Beides war der Hammer.
Legendär war auch eine Tour auf den höchsten Berg Fuerteventuras (Pico de la Zara). Für mich war klar, da lauf ich schnell hoch, warum auch nicht. Tatsächlich wurde es aber zur regelrechten Qual. Jasmin, damals noch Freundin und jetzt Ehefrau (obwohl ich sie auf solche Touren mitgeschleppt habe), hat sich irgendwann hingesetzt und gewartet, bis ich wieder vom Berg herunterkam. Wir hatten zu wenig Wasser und sonst keinen Proviant … warum auch, war doch nur ein Spaziergang. Tatsächlich ist der Berg aber 807m hoch und wir sind am Strand – also bei 0m – und 30°C losgelaufen … nur ein Spaziergang 🙂

Als ich dann Vater war, bin ich mit dem Kurzen in der Kraxe auf die Hornisgrinde und durchs Monbachtal gelaufen und zu Hause kreuz und quer um die Karower Teiche und den Schlosspark in Buch. (Wir wohnten damals in Berlin-Karow.) Aber nichts davon war wandern für mich. Wandern war scheiße!

Der Aufstieg auf den Pico de la Zara. Nur ein Spaziergang … Das da vorne ist Jasmin.

Irgendwo im Nirgendwo in Brasilien.

Kind pennt, Vater trägt auf der Hornisgrinde im Schwarzwald.

Lustigerweise zeige ich in einem meiner ersten Posts hier auf dem Blog schon 2014 ein paar Fotos meiner Streifzüge durch die Stadt. Komme aber auch da nicht auf die Idee, dass das eine Wanderung war. Kurze Zeit später kommt in meinem Beitrag meiner Rundreise durch Peru zwar das Wort “Wanderung” vor, aber an der falschen Stelle. Es geht um einen Spaziergang durch Barranco, einem Stadtteil von Lima. Aber als ich ein paar Tage später von Machu Picchu zurück nach Aquas Calientes gewandert bin, schreibe ich darüber “Ich hatte mich dazu entschieden zur Inka-Brücke zu gehen und dann von Machu Picchu zurück ins Tal nach Aguas Calientes zu laufen.”.

Erst 2016 hat es langsam “KLICK” gemacht. Meine Wanderung durch die Felsenstadt in Tschechien ließ sich einfach nicht mehr anders bezeichnen. Ich war wandern und es war eine Wanderung. Punkt.
Das war auch der Moment, an dem ich geschnallt habe, wie gut Wandern und Fotografieren zusammenpassen. Später im Jahr war ich mit meinem Sohn in den Alpen, er war damals sechs und wir waren wandern (und fotografieren).

Langsam aber sicher kamen dann mehr und mehr Beiträge auch über Wanderungen:

… und dann eben noch meine 1000 km Challenge 2021.

Der tatsächliche Knackpunkt findet sich aber am Wochenende vom 23. – 25. November 2018. Damals bin ich aus einer Laune heraus mit ein paar Freunden nach Mallorca geflogen. Im Gepäck hatte ich zwar einen Wanderführer, aber noch nicht so recht eine Idee, was wir auf der Insel machen sollten.
Kurz: Es war gigantisch! Wir besuchten Höhlen, Bunker, abgelegene Strände und erklommen auch Gipfel.
Von dieser ersten Wandertour nach Mallorca gibt es ein Video über die Smartphone-Fotografie im Urlaub.

25.11.2018 auf dem Gipfel des Puig de Bàlitx.

Es folgten noch zahlreiche weitere Touren, die ich alle für Praxistest des DJI Osmo Pocket nutzte.
Bei den Wanderungen auf Mallorca jagte ein Highlight das nächste und es entstanden zahlreiche Videos:

Wandern war jetzt geil!

Und jetzt? Die letzte Tour nach Mallorca war im Dezember 2019. Dann kam Corona 🙁
Aber der ganze Text bis hierhin sollte klargemacht haben, dass das zwar schade ist, aber in Sachen Wanderungen für mich eigentlich kein Problem darstellt. Jetzt mache ich einfach das, was ich schon immer gemacht habe. Ich laufe, nein, ich wandere durch die Gegend, schaue mir alles genau an und erlebe ständig tolle Abenteuer. (Meine Touren findest du auf meinem Profil bei komoot.)

Wandern ist geil!
Aber weißt du was blöd ist? Ich wollte eigentlich einen Beitrag darüber schreiben, warum wandern geil ist und nicht einen Beitrag darüber schreiben, wie langsam es bei mir manchmal rattert … egal. 🙂

Vielleicht motiviert solch eine persönliche Geschichte dich ja viel mehr, raus zu gehen, um die Welt auch vor der eigenen Haustür zu entdecken, statt irgendwelcher allgemeingültiger Gründe.

Viel Spaß beim Wandern!
… oder vielleicht passt hier auch mein Abschluss früherer Blogposts: “Gehe raus und habe Spaß!”