Fotografieren ist wie Pizzabacken [oder warum die Nachbearbeitung nur ein weiteres Werkzeug ist]

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Die Bildbearbeitung, bzw. die Nachbearbeitung ist nur ein weiteres Werkzeug in der Digitalfotografie. Fotografierst du im Raw-Format, ist sie unerlässlich.

Klar kannst du im Automatikmodus direkt JPEGs fotografieren, die gut aussehen. Schließlich kannst du auch zu Rewe gehen und dir ein Fertiggericht kaufen, das schmeckt!

Stelle dir eine TK-Pizza vor, da gibt es welche, die tatsächlich schmecken.

Aber ist eine selbstgebackene Pizza nicht leckerer?

Und wie schmeckt die Pizza deines Lieblingsitalieners?

Du hast bestimmt schon alles probiert, aber an die Pizza vom Lieblingsitaliener kommst du nicht ran. (Das kenne ich!)

Genau so ist es bei der Fotografie. Die TK-Pizza ist schnell gebacken und halbwegs gut, großen Einfluss darauf hast du aber nicht. Du wählst die Sorte, die Marke, den Belag …

Analog ist das Fotografieren im Automatikmodus in JEPGs. Du wählst, Motiv, Blickwinkel und Zeitpunkt aus. Der Rest ist TK!

Motiv, Blickwinkel, Bildausschnitt, Licht, Zeitpunkt usw. sind die Zutaten für unsere Pizza. Also all das, was du beachten musst, bevor du den Teig anrührst und den Belag vorbereitetst – oder bevor du den Auslöser drückst.

Die Zubereitung der Pizza ist die Nachbearbeitung. Die Zutaten sind da, jetzt zauberst du etwas daraus!

Je aufmerksamer du beim Kauf der Zutaten warst, desto leichter lässt sich eine tolle Pizza backen. Hast du aber einen fertigen Boden gekauft, um Zeit zu sparen, musst du dich mit dem Belag ordentlich anstrengen, um das zu kaschieren.
Leckere Salami, guter Käse … hinterher vielleicht Rucola darauf und etwas Parmesan?

(Meine Güte, ich kriege Hunger!)

Warst du beim Fotografieren zu voreilig und hast nicht auf den richtigen Moment oder das richtige Licht gewartet, steckst du in derselben Situation. Jetzt musst du dich bei der Nachbearbeitung mehr anstrengen, um das Maximum aus dem Bild herauszuholen.

(Egal ob Pizza oder Foto, bei der Nachbearbeitung kannst du nicht alles retten, was du bei den Zutaten verbockt hast!)

Wir können den Vergleich weiter spinnen.
Der Meisterfotograf weiß, wann er den Auslöser drücken muss und hat das Gespür für die richtige Nachbearbeitung. (Ich denke gerade an die WM-Bilder von Paul Ripke.)

Der Meisterkoch weiß, wo er die besten Zutaten findet und schmeckt beim Kochen, welches Gewürz noch fehlt …

Was ist bei der Nachbearbeitung, bzw. Bildbearbeitung erlaubt?

Wenden wir uns lieber der Frage zu, was erlaubt ist und was nicht.

Die Antwort darauf fällt kurz aus:
Erlaubt ist, was gefällt!

Aber ganz so leicht machen wir uns das jetzt nicht!

Stelle dir wieder deinen Lieblingsitaliener vor. Wenn du dort eine Pizza bestellst, stellst du dir Aussehen und Geschmack schon bei der Bestellung vor.
Serviert dir der Kellner dann Nudeln, bist du enttäuscht. Vielleicht fängt der Pizzabäcker aber auch mit abgefahrener Molekularküche an – auch dann wird er deinen Erwartungen nicht gerecht.

Du wolltest eine stinknormale Pizza!

Gehst du hingegen zum Molekular-Italiener, wärst du enttäuscht, wenn das Essen nicht irgendwie ausgefallen wäre. (Nehme ich an, ich war noch nie in so einer Molekularbutze.)

Bei der Fotografie, bzw. Bildbearbeitung ist es ähnlich. Was willst du zeigen? Willst du etwas dokumentieren (bspw., wie die Pizza deines Lieblingsitalieners aussieht), kommst du besser nicht mit abgefahrenen Effekten daher.

Damit verwirrst du den Betrachter!

Dasselbe gilt für die gesamte Palette der Produktfotografie, aber auch bei der Landschaftsfotografie oder im Urlaub willst du in erster Linie dokumentieren, statt Kunstwerke erschaffen.
(Ein dokumentarisches Bild kann natürlich trotzdem ein Kunstwerk sein!)

Schlussendlich ist es aber deine Entscheidung. Was willst du zeigen und was wollen (oder sollen) die Betrachter sehen.

Ich selbst experimentiere gerne und bearbeite meine Bilder mal so, mal so. Manchmal krame ich ein altes Bild heraus und bearbeite es neu – oft total anders als vorher.

Manchmal bearbeite ich meine Bilder extrem, manchmal fast gar nicht.

Das hängt von meiner Stimmung ab und davon, was ich zeigen will.

Will ich im Blog eine Landschaft zeigen, über die ich schreibe, halte ich mich mit der Bearbeitung zurück.
Will ich aber eine bestimmte Stimmung erzeugen oder gar ein Kunstwerk erschaffen, ist alles erlaubt, was Photoshop und Co. hergeben!

Beim Thema Kunstwerk fällt mir das Bild Rhein II von Andreas Gursky ein. Bis vor Kurzem war es die teuerste Fotografie der Welt (3.1 Mio Euro!!!).

In der Wikipedia steht dazu:

Gursky zeigt eine radikal reduzierte Landschaft. Unter bedecktem Himmel fließt der Rhein horizontal zwischen grasbewachsenen Deichen. Unter dem vorderen Deich ist ein asphaltierter Fahrrad- und Fußweg zu sehen. Das ursprünglich mit abgelichtete Kraftwerk Lausward und weitere Hafenanlagen im Hintergrund sowie eine Person im Vordergrund, die ihren Hund ausführt, wurden von Gursky digital entfernt.

Nur so viel zum Thema Kunst … mehr muss ich dazu nicht sagen, oder?

Aber keine Sorge, oft schraube ich ewig an einem Bild herum und es kommt einfach nicht das heraus, was ich mir erhofft habe.

Das passierte mir aber auch schon beim Italiener.
In Italien bestellte ich mir eine Pizza »Panzer« mit Bratwurst drauf. Ich bestellte sie nur wegen des Namens und habe nichts Großartiges erwartet. Die Pizza schmeckte fürchterlich! 🙂

Aber ich habe es probiert und Experimentieren ist wichtig, um Neues zu lernen und den Horizont zu erweitern. Das gilt für alle Bereiche des Lebens!

Fünf Beispiele

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Fotografierst du in die Sonne, kommst du um die Nachbearbeitung nicht herum. Hier habe ich die Lichter reduziert und die Tiefen erhöht, um die Belichtung gleichmäßiger zu verteilen. Außerdem habe ich dem Sonnenstern und der Spiegelung etwas mehr Orange gegönnt. [Canon G5 x – ISO 125 – 8.8mm – f/11 – 1/1000 Sek.]

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Das blasse Originalfoto schoss ich an einem kalten Wintertag. Bei der Nachbearbeitung machte ich es wärmer, indem ich die Rot- und Orangetöne erhöhte und den Himmel blauer färbte. Außerdem richtete ich das Bild gerade und erhöhte den Kontrast. [Canon G5 x – ISO 125 – 8.8mm – f/5 – 1/800 Sek.]

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Ich habe nichts gegen Enten und Tretboote, auf diesem Bild waren es mir aber einfach zu viele. Also weg damit! Außerdem habe ich die Bäume etwas aufgehellt und die Fische im Vordergrund hervorgehoben. [Sony Alpha 65 – ISO 200 – 18mm – f/11 – 1/80 Sek.]

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Manchmal geht es mit mir durch und ich überdrehe die Regler. Das hier ist ein Fake HDR (aus einem Foto erstellt) der Fußgängerzone von Arrecife, der Hauptstadt Lanzarotes. [Sony Alpha 65 – ISO 200 – 18mm – f/11 – 1/80 Sek.]

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Wenn das Wetter nicht ganz so mitspielt, kannst du bei der Nachbearbeitung selbst Wettergott spielen. Hier habe ich das ganze Bild klarer gemacht, Kontraste erhöht und vor allem dem Himmel deutlich mehr blau gegeben. [Canon G7 x Mark II – ISO 125 – 12.762mm – f/5.0 – 1/1250 Sek.]

Wie siehst du das? Wo gibt es deiner Meinung nach die beste Pizza und bist du eher der zurückhaltende Bildbearbeiter oder drehst du gerne heftig an den Reglern?

Mit diesem Beitrag nehme ich an der „Blogparade Blogparade – Wie weit darf Fotobearbeitung gehen?“ von reisen-fotografie.de teil.