Fototipp 54: So analysierst du fremde Bilder und lernst von ihnen

| Lesezeit ca. acht Minuten

In diesem Artikel erfährst du, wie du die Kamera-Einstellungen fremder Bilder erahnen kannst, um so von ihnen zu lernen.

Hallo! Ich bin übrigens Marc!

Ich bin begeisterter Papa, Blogger, YouTuber, Foto- und Reisefuzzi.

Mehr über mich findest du hier. Und hier findest du meine aktuelle Fotoausrüstung.

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Wir Menschen lernen viel durch Abgucken. Auch beim Fotografieren kannst du so viel lernen.
Vorbilder habe ich zwar keine, aber ich gucke mir gerne und oft Fotos anderer Fotografen an. Gefällt mir eins, versuche ich es zu analysieren, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie dieses Bild entstanden ist.

Fotos findest du ständig und überall. Damit ich täglich ein paar gute Bilder sehe, habe ich die Feeds »Popular« und »Editors‘ Choice« von 500px abonniert. Inspirierend ist auch das »Photo of the Day« von National Geographic.

Selbstverständlich folge ich auch ein paar Fotoblogs. Diese aufzulisten, würde jedoch den Rahmen des Beitrags sprengen.

Aber wie gesagt, es gibt viele Inspirationsquellen. Dabei ist es egal, wo und wie du dich inspirieren lässt. Wichtig ist, dass du diese nutzt, um selbst besser zu werden.
Dazu musst du ein Bild lesen können, bzw. es analysieren.

So »liest« du Bilder und lernst von ihnen

Hast du ein Bild gefunden, dass dich fesselt, dann analysiere es!
Wichtig ist, dass du dafür ein Grundverständnis von Blende und Verschlusszeit hast.

Analysiere ich ein Bild, will ich die folgenden Dinge wissen:

  • Was gefällt mir an dem Bild, bzw. warum gefällt es mir?
  • Kameraeinstellungen (EXIF-Daten: Blende, Belichtungszeit, Brennweite)
  • Licht (Welches Licht, wo kommt es her?)
  • Bildausschnitt / Platzierung des Hauptmotivs
  • Schärfepunkt
  • Bearbeitung

Was gefällt mir an dem Bild, bzw. warum gefällt es mir?

Ich analysiere nur Fotos, die mir gefallen. Die Frage ist aber, warum gefällt mir gerade dieses Bild!?
Hier kann ich dir kaum Tipps geben. Geschmäcker sind zum Glück verschieden.
Ich bleibe meist an Landschaftsaufnahmen hängen, oft mit Wasser, teils langzeitbelichtet, teils mit Spiegelungen. Die Bilder, die mir gefallen, sind oft bei Sonnenunter oder -aufgang entstanden, manche sogar nachts.
Auch Architekturaufnahmen mit führenden Linien gefallen mir sehr gut.
Makros faszinieren mich genauso wie Bilder von Lost Places.

Porträts interessieren mich weniger; Food, Tabletop, Stillleben überhaupt nicht.

Wenn ich so darüber schreibe, wird mir selbst erst richtig klar, dass mir fast nur Bilder gefallen, die draußen aufgenommen wurde.

Versuche auch du herauszukriegen, was dir gefällt und warum.

Kameraeinstellungen

Manchmal hast du die EXIF-Daten. Da kannst du dann schön herauslesen, um welche Kamera es sich handelt, welches Objektiv, Blende, Brennweite und Belichtungszeit genutzt wurden.
Stehen die Daten nicht direkt beim Bild, kannst du versuchen es herunterzuladen. Vielleicht sind die Daten noch im Bild gespeichert.

Das mache ich jedoch nie. So wichtig sind die exakten Daten nicht.

Besser ist, wenn du ein Gespür dafür bekommst, wie die Kamera bei der Aufnahme eingestellt war.

Das Gespür für die Belichtungszeit

Zuerst analysierst du die Belichtungszeit.
Wie lange wurde belichtet? Kurz oder lang?

Suche nach Bewegungsunschärfe im Bild.
Ist alles knackscharf, wurde kurz belichtet, ist Bewegungsunschärfe zu sehen, wurde lange belichtet.
Sei dir aber darüber im Klaren, dass kurz und lang hier relativ sind. Willst du einen Fußgänger scharf abbilden, reichen 1/100 Sek aus. Willst du einen Rennwagen in voller Fahrt scharf kriegen, reichen selbst 1/1000 Sek nicht.

Auch Wasser eignet sich hervorragend, um ein Gespür für die Belichtungszeit zu bekommen.
Siehst du alle Details, jede kleinste Welle und einzelne Tropfen, wurde kurz belichtet. Ist das Wasser glatt gezogen wurde lange belichtet.

Ein paar Beispiele:

relative-belichtungszeit

Beide Bilder wurden mit 1/250 Sek belichtet. Beim Rennwagen ist deutliche Bewegungsunschärfe zu sehen, die Badegäste sind jedoch scharf.

gleiches-motiv-unterschiedlich-belichtet

Links kurz, rechts lange belichtet. Links: f/3.5 1/80 Sek ISO 125; Rechts: f/8.0 0.6 Sek ISO 80

Hast du ein Gespür für die Belichtungszeit, kannst du automatisch weitere Annahmen treffen.

Kurze Belichtungszeit:

  • tendenziell offene Blende
  • tendenziell höherer ISO-Wert

Längere Belichtungszeit:

  • tendenziell kleinere Blende
  • tendenziell niedrige ISO-Empfindlichkeit
  • Filter kamen vielleicht zum Einsatz
  • ein Stativ wurde vermutlich genutzt

Das Gespür für die Blende

Kennst du das Belichtungsdreieck? Den Zusammenhang zwischen Blende, ISO und Belichtungszeit?
Kurz gesagt, geht es darum, dass bei längeren Belichtungszeiten automatisch die Blende kleiner wird und umgekehrt.
(Die ISO-Empfindlichkeit lassen wir hier außer Acht, da jeder Fotograf darauf aus sein sollte, diese so niedrig wie möglich zu setzen.)

Genau deshalb, gibt dir dein Gespür für die Belichtungszeit gleichzeitig einen Hinweis auf die Blendenöffnung.

Eine andere Möglichkeit ist die Schärfentiefe.

Die Faustregel hier:
Geringe Schärfentiefe = offene Blende.
Große Schärfentiefe = geschlossene Blende.

Bei extrem geringen Schärfentiefen kannst du davon ausgehen, dass ein Objektiv mit krasser Blendenöffnung am Werk war. f/1.4 oder noch mehr, vermutlich in Verbindung mit einem Vollformatsensor (oder größer).

Denn auch hier gilt: Je größer der Sensor, desto geringer die Schärfentiefe bei gleicher Blende.

Beispiele:

offenblende-vs-geschlosseneblende

Links ist die Schärfentiefe sehr gering, die Blendenöffnung ist hier weit offen (f/1.8). Rechts sind die Bäume im Vorder- und Hintergrund scharf, die Blende ist hier ein Stück weit geschlossen (f/8.0).

All das sind nur Ansatzpunkte. Die Ausdehnung der Schärfentiefe hängt auch mit der Brennweite (Weitwinkel = große Schärfentife; Tele = geringe Schärfentiefe) und dem Abstand zum Motiv (Stichwort: Hyperfokale Distanz) zusammen.

Nicht so wichtig: die ISO-Empfindlichkeit

Die ISO-Empfindlichkeit zu kennen, ist nicht so wichtig. Ich setzte die ISO-Empfindlichkeit möglichst niedrig.
Generell solltest du Blende und Belichtungszeit so einstellen, wie du es für dein Motiv brauchst und falls das Licht dafür nicht reicht, die ISO-Empfindlichkeit erhöhen. (Außer dir fällt noch etwas anderes ein.:))

Das Gespür für die Brennweite

Brennweiten lassen sich grob in 3 Kategorien einteilen:

  • Weitwinkel < ca. 50mm
  • Normal zwischen ca. 50mm und 85mm
  • Tele > ca. 85mm

Alle Brennweiten beziehen sich hier auf das Kleinbildformat. Arbeitest du mit einem APS-C Sensor, musst du die Brennweite deines Objektivs mit 1.5 multiplizieren.

Hier gilt die Faustregel:
Weitwinkel: Du bist mitten im Geschehen. Der Vordergrund wird betont, Abstände zu weiter entfernten Objekten wirken groß, viel vom Hintergrund ist zu sehen und die Schärfentiefe ist groß.

 

Tele: Du siehst ein komprimiertes Bild. Die Abstände zu weiter entfernten Objekten wirkten geringer. Du bist eher ein Betrachter aus der Ferne und die Schärfentiefe ist klein.

 

Normalbrennweite: Hier sind die Proportionen ähnlich, wie wir sie mit unseren Augen sehen.

weitwinkel-vs-normalbrennweite-vs-tele

Die Brennweiten 12mm (Weitwinkel), 60mm (Normal) und 450mm (Tele )im Vergleich

Die Brennweite zu schätzen ist wirklich schwer. Vielleicht hast du ja eine Idee, wo der Fotograf stand. Das hilft!

Licht

Licht ist das zentrale Element in der Fotografie. Analysiere es!
Welches Licht wurde benutzt? Das vorhandene Tageslicht oder Kunstlicht? Wurde geblitzt, wenn ja, von wo? Wie viele Lichtquellen gibt es? Vielleicht wurde ein Reflektor verwendet und und und.

Bei Porträts vergrößerst du am besten die Augen und guckst dir die Spiegelungen in der Pupille an.
Ansonsten suchst du nach Schatten und ihrer Richtung, nach Glanzpunkten und den hellen und dunklen Stellen im Bild.

Manchmal kommst du nicht drauf, manchmal ist es ganz einfach.

Mach dir aber klar, dass Licht, das wichtigste Element bei der Fotografie ist. Also denke darüber nach, wie es eingesetzt wurde.

Bei Landschaftsaufnahmen bestimmen Wetter und Tageszeit das Licht. Ist es sonnig oder hast du diffuses Licht, welches durch Wolken dringt? Wurde die Aufnahme tagsüber gemacht, als die Sonne hoch stand oder bei tiefstehender Sonne am frühen Morgen oder am Abend?
Vielleicht wurde sie auch in der blauen Stunde vor dem Sonnenaufgang, bzw. nach dem -untergang geschossen.

Beispiel:

mittagsonne-vs-sonnenuntergang

Das Bild links wurde bei hochstehender Mittagsonne geschossen, rechts beim Sonnenuntergang. Das kannst du schön an den Schatten sehen.

Bildausschnitt / Platzierung des Hauptmotivs

Analysiere den Inhalt des Bildes. Worauf fällt dein Blick zuerst und wie ist die Blickrichtung? Beobachte dich dabei, wie deine Augen über das Bild wandern.

Frage dich, was das Hauptmotiv ist und wo es platziert ist. Wie wirst du dorthin geführt?
Was ist im Vordergrund zu sehen, was im Mittelgrund, was im Hintergrund? Ist das Bild vielleicht eingerahmt? Gibt es führende Linien … ?

All das sind Dinge, die genau dieses Bild ausmachen.

Schaue dir dazu die Bilder weiter oben im Beitrag an und analysiere sie.

Schärfepunkt bzw. worauf wurde fokussiert?

Was ist scharf auf dem Bild, was versinkt in Unschärfe?
Bei Landschaftsaufnahmen ist die Schärfentiefe oft so gewählt, dass das gesamte Motiv scharf ist (geschlossene Blende). Bei Porträts wird oft mit sehr geringer Schärfentiefe gearbeitet (offene Blende) und der Schärfepunkt auf die Augen gelegt.
Suche den Schärfepunkt, bzw. worauf wurde fokussiert?

Bearbeitung

Wurde das Bild bearbeitet? Wenn ja, wie?
Sind Filter darübergelegt, die die Farbe ändern, die Schärfe … wurde eine Vignette hinzugefügt? Wie ist die Farbsättigung? Eher entsättigt oder knallen die Farben regelrecht?

Der Bildbearbeitung sind keine Grenzen gesetzt und oft weißt du gar nicht, wie viel ursprüngliches Foto und wie viel Nachbearbeitung du gerade betrachtest. Wenn du aber ein Gespür dafür bekommst, dann bringt dich das in deiner eigenen Fotografie weiter.

Fakt ist: Fast alle Bilder sind nachbearbeitet!

Beispiel:

bearbeitet-vs-unbearbeitet

Links das bearbeitete Bild, rechts das Original.

Interessant zum Thema Bearbeitung ist auch mein Fototipp 22: Bearbeite deine Fotos.

Zusammenfassung

Jetzt habe ich wirklich viel geschrieben. Danke, dass du so tapfer warst, bis hierher zu lesen.
Zusammenfassend lässt sich sagen:

  1. Suche dir Vorbilder, bzw. tolle Fotos
  2. Analysiere diese und lerne daraus

Viel Spaß dabei!

Über Fototipp

Fototipp ist eine Artikelserie, in der ich dir regelmäßig einen mehr oder weniger kleinen Tipp für bessere Bilder gebe. Die Serie basiert auf meinen eigenen Erfahrungen und hilft dir dabei, Fehler zu vermeiden und deine Lernkurve zu beschleunigen. Willst du keinen Beitrag verpassen, dann abonniere meinen Newsletter oder meinen RSS-Feed..

Alle bisherigen Beiträge aus der Reihe findest du hier: Alle Fototipps!

Wer hier schreibt:

Hallo! Ich bin übrigens Marc!

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