Fototipp 48: Die Freihandgrenze – Fotografieren aus der Hand

Kennst du auch diesen inneren Schweinehund, der dich daran hindert dein Stativ zu nutzen?
Ich kenne ihn nur zu gut und das, obwohl ich dir in Fototipp 9 schon zum Stativ geraten hatte.
Fotografierst du ohne Stativ, ist es wichtig, dass du über die Grenzen bescheid weißt. Was geht, was geht nicht. Sprich, ab wann verwackelst du dein Bild vermutlich …

Faustformel zur Freihandgrenze

Ob ein Bild unter gleichen Bedienungen verwackelt oder nicht, liegt einzige an der Belichtungszeit.
D.h., je kürzer du belichtest, desto geringer ist das Risiko zu verwackeln.

Wie lange – bzw. kurz – du belichten musst, um gerade noch ein scharfes Bild zu erhalten, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Dazu aber später mehr.
Zuerst möchte ich dich mit der Faustformel zur Freihandgrenzen vertraut machen.

Du erhältst ein scharfes Bild, wenn deine Belichtungszeit längstens dem Kehrwert deiner Brennweite entspricht.

Beispiele:
Du fotografierst mit einer Brennweite von 50mm (bezogen auf das Kleinbildformat), dann drohen Verwackler ab einer Belichtungszeit, die länger als 1/50 Sek. ist.

Oder du fotografierst mit einer Brennweite von 200mm (bezogen auf das Kleinbildformat), dann darfst du nicht länger als 1/200 Sek. belichten.

Verstanden?
Wichtig ist, dass du die Brennweite auf das Kleinbildformat umrechnest. D.h. fotografierst du mit einer Kamera mit APS-C Sensor, multiplizierst du deine Brennweite mit 1.5 (Canon 1.6). Fotografierst du mit Micorfourthirds, nimmst du die Brennweite x2. Usw.

Vergiss aber nicht: Es ist nur eine Faustformel.

Generell gilt:

Je kürzer du belichtest, desto geringer das Risiko zu verwackeln.

Beispiel: der Apfel

Diesen Apfel fotografierte ich mit unterschiedlichen Belichtungszeiten. Angefangen bei 1/ 100 Sek, bis runter zu 1 / 8 Sek.
Ohne Bildstabilisator, frei Hand mit meiner RX100 III (bei Amazon.de*) bei umgerechnet 70mm Brennweite.

Laut Faustegel sollte der Apfel bei 1 / 70 Sek scharf sein. Das ist er auch. Da ich mich megamäßig anstrengte, ist er sogar bei 1 / 40 scharf. 🙂
Alles was länger belichtet wurde, ist zunehmend verwackelt.

Hier die verschiedenen Belichtungszeiten in der Vergrößerung: (Klicke das Bild an, um es zu vergrößern.)

Wie du siehst, mit zunehmender Belichtungszeit, wird das Bild immer unschärfer. Es ist also zunehmend mehr Bewegungsunschärfe zu sehen.

Wichtige Faktoren beim Fotografieren frei Hand

Die Brennweite

Der wichtigste Faktor beim Fotografieren frei Hand ist die Brennweite, das kommt auch schon in der Faustformel raus.
Je kürzer diese ist, desto länger kannst du belichten!

Warum?
Zoomst du krass an ein Objekt heran, siehst du schon im Sucher, dass du bei minimalen Bewegungen der Kamera schnell dein Objekt verlierst. Kleine Bewegungen haben bei zunehmender Brennweite, viel größere Auswirkungen → du verwackelst das Bild schneller.

Du selbst

Wie bist du drauf? Bist du eher tattrig oder hast du ruhige Hände? Das hat tatsächlich Auswirkungen darauf, wie lange du aus der Hand belichten kannst.
Bist du zu deinem Motiv gesprintet oder sitzt du schon eine Weile da? Auch das hat Auswirkungen. Mit hohem Puls wirst du die Kamera beim Auslösen mehr bewegen als mit niedrigem. D.h., du darfst nicht so lange belichten.

Kamerhaltung

Fotografierst du mit Sucher und Kamera am Kopf oder mit ausgestrecktem Arm und Display?
Auch das beeinflusst die Kamerabewegung.
Vielleicht findest du sogar einen Gegenstand, an den du die Kamera anlehnen kannst. Ich nutze gerne Verkehrsschilder oder Bäume. Damit kannst du länger belichten.

Du wackelst übrigens auch, wenn du den Auslöser drückst.

Tipp 1:

Nimm im Serienbildmodus auf, wenn du frei Hand nahe der Verwacklungsgrenze fotografierst.

Vgl. dazu Fototipp 14.

Tipp 2:

Eine Kompaktkamera kannst du an die Brust drücken, Luft anhalten und abdrücken. Sieht vielleicht doof aus, hilft aber bei langen Belichtungen!

Bildstabilisator

Wahrscheinlich hat deine Kamera oder dein Objektiv einen optischen Bildstabilisator.
Ist dieser aktiviert – und das sollte er sein, wenn du ohne Stativ fotografierst – verschiebt sich die Freihandgrenze etwas.

Vgl. dazu Fototipp 5.

Ausgabegröße

Dieser Punkt wird oft vernachlässigt, aber wenn du mit 24 MP fotografierst und das Foto in FullHD betrachtest, siehst du kleine Verwackler gar nicht!
Die 1:1 Ansicht ist hier natürlich Gift!

Oben zeigte ich dir den Apfel bei 1 / 20 Sek in der Vergrößerung. Hier jetzt das ganze Bild.

Gar nicht so übel, oder? Wenn du es anklickst, wird es größer und wie du siehst, wird die Unschärfe mit zunehmender Bildgröße mehr und mehr sichtbar.

Zur Not gehen leicht verwackelte Bilder, wenn du sie nicht all zu groß anzeigst.

Zusammengefasst

Bei welcher Belichtungszeit die Freihandgrenze liegt, hängt von verschiedenen Faktoren ab.
Mit verschiedenen Tricks und Hilfsmitteln kannst du frei aus der Hand deutlich länger belichten, als es die Faustregel sagt.
Wo die Grenze bei dir liegt, musst du selbst herausfinden.

Vergesse aber nicht, dass du die Belichtungszeit nicht nur darauf abstimmst, was du frei halten kannst, sondern auf das Motiv!
Spielende Kinder, tanzenden Menschen, fahrende Autos … All das sind Situationen, in denen du kürzer belichten musst, als deine Freihandgrenze. Ansonsten droht Bewegungsunschärfe.

Je kürzer du belichtest, desto geringer das Risiko für Bewegungsunschärfe bzw. zu verwackeln.

Schießt du trotz all dem Wissen aus diesem Fototipp ein verwackeltes Bild, kannst du als aller letzte Instanz Photoshop probieren.
Unter »Filter → Scharfzeichnungsfilter → Verwacklung reduzieren …« findest du das entsprechende Tool. Erwarte aber nicht all zu viel davon.

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8 Kommentare zu “Fototipp 48: Die Freihandgrenze – Fotografieren aus der Hand

  1. Matthias

    Viele Bilder verwackeln bei mir auch durch das einfache Drücken des Auslösers. Besonders wenn ich mit ausgestregten Armen fotografiere, wie man das oft mit Kompaktkameras/Kameras ohne Sucher macht.
    Deshalb wollte ich schon immer mal ausprobieren, ob ein Schnurstativ wirklich was bringt.

    1. Marc Autor des Beitrags

      Hi Matthias,

      ein Schnurstativ bringt was, ist mir persönlich aber zu umständlich. Versuche doch einfach dein Haltung zu ändern. Wenn du zusätzlich im Serienbildmodus fotografierst, hast du auch ein gutes Mittel gegen das Wackeln beim Auslösen.
      Probier’s mal aus.

      Viele Grüße,
      Marc

  2. Marcel

    Da könnte man alternativ auch den Selbstauslöser nutzen. 3 Sekunden einstellen und der Wackler vom Drücken des Auslösers ist minimiert. Noch ein Tipp ????

  3. Hartmut

    „Schnurstativ“ musste ich jetzt erstmal googeln…wusste ich gar nicht, was das ist! Mein Stativ bleibt auch viel zu oft zusammengeklappt oder gleich ganz zuhause… na ja, und das Ergebnis ist dann eben entsprechend.
    Gefühlt konnte ich früher mit meiner alten richtigen Spiegelreflex ohne Probleme mit viel längeren Belichtungszeiten scharf fotografieren als heute mit meiner spiegellosen digitalen Kamera bei vergleichbarer Brennweite… ob das vielleicht daran liegt, dass ich inzwischen mehr zittere 😉
    Selbstauslöser probiere ich manchmal auch, aber oft will ich einfach nur draufdrücken… werde aber in Zukunft versuchen, mal ein bisschen mehr über die entsprechende Belichtungszeit nachzudenken, bevor ich einfach den Auslöser drücke oder vielleicht doch öfter mal das Stativ einpacken!!
    Gruß nach Berlin
    Hartmut

    1. Marc Autor des Beitrags

      Das ist ganz bestimmt das Alter! 🙂
      Ich glaub früher war man einfach nicht so pingelig. Beim Dia-gucken gehörte eine gewisse Unschärfe doch zum guten Ton, entweder weil der Projektor nicht 100%ig eingestellt war, die Leinwand schrott oder das Bild tatsächlich nicht 100%ig scharf.
      Und Abzüge hat man fast nie so groß gemacht wie heutzutage ein kleiner Monitor groß ist …
      Stativ einpacken hilft übrigens nix! 🙂 Auspacken und anschrauben hilft 🙂

      Viele Grüße,
      Marc

  4. Pingback: Fotografieren ohne Stativ? Teufelswerk oder Erlösung? - Erkunde die Welt

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