Fototipp 47: Fotografiere so hell wie möglich (wenn du das Bild bearbeiten willst)

Ich bin mir nicht 100%ig sicher, ob es DIE richtige Belichtung für ein Foto gibt. Wie du deine Fotos belichtest, ist rein dir überlassen.
Aber es gibt eine Belichtung, die dir bei der Nachbearbeitung den größten Spielraum lässt.
Welche das ist und wie du mit dieser fotografierst, erkläre ich dir im Folgenden.

Wie gesagt, wie du deine Fotos belichtest, ist dir überlassen. Nennen wir es künstlerische Freiheit!
Ich rate dir jedoch, die gewünschte Belichtung erst bei der Nachbearbeitung festzulegen. Bei der eigentlichen Aufnahme solltest du so belichten, dass du den größten Spielraum dafür hast.

Hast du keinen Bock, deine Bilder zu bearbeiten, musst du selbstverständlich direkt bei der Aufnahme so belichten, wie du es willst.

Fotografiere so hell wie möglich

Versuche beim Drücken des Auslösers dein Bild so hell wie irgendmöglich zu fotografieren. Deine Grenze definiert der Dynamikumfang deines Sensors. Fotografiere so hell, dass du keine komplett weißen Stellen hast. Dazu aber später mehr.

Ich will dir erst erklären, warum du so hell wie möglich fotografieren sollst.
Die Antwort ist kurz und schmerzlos: Dunkler machen kannst du immer!

Das ist tatsächlich so. Bei der Nachbereitung kannst du Fotos recht einfach und ohne Verluste abdunkeln.
Aufhellen geht nicht so einfach. Dabei wird Farbrauschen in dunklen Bereichen sichtbar.

Bilder sagen mehr als 1000 Worte, also zeige ich dir ein paar Fotos.

Sei mir nicht böse, dass die Bilder nicht 100%ig identisch sind. An dem Tag war es recht stürmisch, so dass die Gräser, Äste und Wolken sich ständig bewegten. Aber das ist egal, darum geht es schließlich nicht.

Das folgende Bild zeigt unser gewünschtes Ergebnis. Details im Himmel und auch im Zaun sollen die Gräser und Blätter sichtbar sein. Den Inhalt des roten Kastens zeige ich dir nachher in der Vergrößerung.

Mit meiner Kamera kann ich solch ein Bild nicht direkt fotografieren. Ich kann erst in der Nachbearbeitung alles so sichtbar machen, wie ich es gerne hätte.
Mit deiner Kamera ist es sicher ähnlich. Probiere es aus!

Wir haben jetzt folgende Möglichkeiten.
1. Wir fotografieren so dunkel, dass der Himmel schon richtig belichtet ist.
Das Bild sieht dann so aus.

Krass dunkel, oder? Belichtet hatte ich bei diesem Foto 1/400 Sek.

2. Wir fotografieren so hell, dass die Gräser und Blätter im Zaun richtig belichtet sind.

Jetzt ist der Himmel weg, und zwar für immer! An dieser Stelle sind wir über die Leistung des Sensors gegangen, so dass er keine Farbinformationen mehr aufzeichnen konnte.

Käse!

Da können wir bei der Nachbearbeitung so viele Klimmzüge machen, wie wir wollen. Den Himmel kriegen wir nicht mehr vernünftig hin.

Belichtet hatte ich 1/20 Sek.

3. Wir fotografieren so hell, dass die Farbinformationen des Himmels gerade noch erhalten bleiben.

Dieses Bild ist die Basis für unser Ergebnis oben.

Belichtet hatte ich 1/40 Sek.

Mit Option 1 (das dunkle Bild) wären wir übrigens auch zu unserem Ergebnis gekommen, allerdings mit schlechterer Qualität. 

Warum, zeige ich dir gleich.

Hier das Ergebnis, erstellt aus dem dunklen Bild mit 1/400 Sek Belichtungszeit.

 

Scrolle ruhig nochmal hoch, auf den 1. Blick geben sich die Ergebnisse nichts. Aber eben nur auf den 1. Blick.

Du kannst dich sicherlich an den roten Kasten oben erinnern. Den schauen wir uns jetzt genauer an.

So sieht er bei dem mit Option 3 erstellten Bild aus. D.h., es wurde so lange belichtet, dass gerade noch alle Farbinformationen im Himmel erhalten bleiben.

Und so sieht er bei dem dunkle Bild von Option 1 aus.

Krass, oder?

Verstehst du jetzt, wieso du so hell wie nur irgendmöglich fotografieren sollst? Wenn du stark aufhellen musst, bekommst du Matsch!

Das Histogramm: Clipping vermeiden

Komplett weiße und komplett schwarze Bereiche im Bild nennt man ausgefranzt oder Clipping. In diesen Bereichen ist keine Bildinformation mehr enthalten. Du kannst mit den Reglern in Lightroom und Co. machen, was du willst. Grau, schwarz, weiß. Mehr Infos kriegst du aus diesen Bereichen nicht mehr heraus.
Das ist uns bei Option 2 passiert, der Himmel war so hell, dass nicht mehr alle Informationen im Bild waren.

Vermeide das!

Hier kommt das Histogramm deiner Kamera ins Spiel. Damit kannst du dir anzeigen lassen, ob solche Bereiche im Bild sind.

Aktiviere dazu beim Betrachten deiner Aufnahme das Histogramm. Alle mir bekannten Kameras zeigen in dieser Ansicht das Clipping im Bild an.
So wie hier (sorry für die scheiß Qualität):

 

Die zu hellen Bereiche blinken, du weißt also, dass du über das Ziel hinausgeschossen bist und etwas weniger belichten musst. (Sprich: Kürzere Belichtungszeit, Blende weiter schließen oder ISO-Wert verringern. Siehe dazu auch Fototipp 29: Belichtungszeit, ISO & Blende im Zusammenspiel.)

Gleiches Spiel gilt bei zu dunklen Bereichen. Hier musst du mehr belichten.

Clipping in dunklen Bereichen (= schwarz) ist meistens nicht so wild, weil das in der Regel Stellen sind, die im fertigen Bild auch schwarz sind.

Du kannst dir auch direkt in Lightroom das Clipping anzeigen lassen. Siehe dazu meinen Beitrag zum Histogramm von Lightroom.

Hast du einen elektronischen Sucher, kannst du dir sogar vor der Aufnahme das Histogramm ansehen. Ansonsten wechselst du in den LiveView auf dem Display.

Geht das Historgramm ganz links nach oben, sind schwarze Bereiche im Bild.
Geht das Historgramm ganz rechts nach oben, sind weiße Bereiche im Bild.

Das Prinzip ist mit dem von Lightroom identisch.

Was ist nun das korrekt belichtete Foto?

Für mich ist ein korrekt belichtetes Foto, ein Bild, dass mir den größtmöglichen Spielraum bei der Nachbearbeitung lässt.

Du wirst in Situationen kommen, in denen es nicht hinhaut mit dem Histogramm, irgendwo franzt es immer aus.
Kein Beinbruch, das ist halt so. Bspw, wenn du in die Sonne fotografierst. Die Sonne wird immer Clipping verursachen, aber das passt dann auch beim fertigen Bild.

Wenn du noch mehr Dynamik herausholen willst, musst du ein HDR machen. Mache ich aber nie, richtig eingesetzt reicht der Dynamikumfang halbwegs moderner Sensoren fast immer aus.

Fazit des heutigen Fototipps:

Fotografiere so hell wie möglich, ohne dass dabei Bildinformationen in den hellen Bereichen verloren gehen.

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11 Kommentare zu “Fototipp 47: Fotografiere so hell wie möglich (wenn du das Bild bearbeiten willst)

  1. Mario

    Hey Marc,
    guter Tipp! Wichtig ist halt eben, ganz wie du sagst, dass bei der Aufnahme keine Stellen ausbrennen. Dann sind die Infos ja nämlich futsch. Aber wenn man das beachtet, kommt man damit echt weit. Guten Start in die Woche!
    Viele Grüße,
    Mario

    1. Marc Autor des Beitrags

      Hi Mario,

      genau so ist es. Aber einen Ticken mehr Spielraum hast du halt, wenn du tendenziell überbelichtest. Beim dunklen Bild war ja auch nichts ausgefressen und trotzdem leidet die Qualität beim Aufhellen.

      Viele Grüße,
      Marc

  2. Markus

    Ein Fototipp der mit zu den wertvollsten gehört, den man geben kann. Da ich tendenziell auch eher überbelichte (und das nicht mal groß ins dunkle bearbeite), kann ich diesen Vorteil auch sehr oft nutzen. Ohne mich groß umzustellen 😉

  3. Rainer

    Schließe mich an, der Tipp ist der für mich wertvollste bisher. Habe nach dem Schuss immer die ansteigende Histogrammflanke rechts gesehen, aber aus Sorge um ein Verschlucken der Schatteninformationen in Kauf genommen.

    Danke & viele Grüße
    Rainer

  4. Pingback: Fototipp 51: So fotografierst du einen Sonnenstern

  5. Birgit

    Und soll man bei Nachtfotografie oder Sonnenuntergängen auch so hell wie möglich belichten? Natürlich Messfeld etwas neben Sonne oder Lichter setzen.

    1. Marc Autor des Beitrags

      Hallo Birgit,

      ja, Sonnenuntergänge belichte ich auch so hell wie möglich (was meist sehr dunkel ist), damit ich bei der Nachbearbeitung den Vordergrund wieder herstellen kann.
      Bei Nachtaufnahmen musst du abwägen, was du machen willst. Unnötig langes Belichten führt nämlich auch zu Bildrauschen.

      Viele Grüße
      Marc

  6. Lisa Ratschmann

    Es tut mir leid aber so etwas falsches habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Ich befinde mich jetzt im zweiten Lehrjahr der Fotografenausbildung (ja das ist ein anerkannter Handwerksberuf) und starte bald ins dritte. Seit zwei Jahren wird uns nun beigebracht dass in der DIGITAL FOTOGRAFIE wenn man sich nicht sicher mit der richtigen Belichtung ist, immer ein WENIG DUNKLER fotografiert werden sollte weil in der digitalen Nachbearbeitung noch viel mehr aus den Tiefen herausgeholt werden kann. Ist etwas überbelichtet bzw. frisst es aus, kann nichts mehr gemacht werden. Bei der ANALOG FOTOGRAFIE war es anders herum. Hier hat man eher zu hell belichtet da man bei einem Film mehr Spielraum in den Lichtern hatte. Unter anderem muss ich bemängeln dass in einem handwerklich gutem Foto immer Spitzlichter (sprich Bereiche welche ausfransen) und Tiefen (Bereiche welche so dunkel sind dass keine Zeichnung mehr zu sehen ist) vorhanden sein sollten. Wenn man in in PS übrigens die Tonwertkorrektur verwendet sollet ein Regler immer ganz links und ein Regler immer nach ganz rechts verschoben werden. Spitzlichter und Tiefen machen ein Foto “brillanter”. Die Bereiche sollten nur klein sein aber vorhanden! Etwas anderes wäre das ganze wenn der Bildlook eher flau gewollt wäre.
    Ich finde es gut sein Wissen weiter zu geben aber bitte informiert euch doch vorher wie es wirklich richtig geht.
    Ich möchte hier nicht auf superschlau machen sondern nur etwas falsches korrigieren.

    1. Marc Autor des Beitrags

      Hallo Lisa,

      ich bin Autodidakt und schreibe hier über Dinge, die für mich funktionieren.
      Die hier beschriebene Vorgehensweise findest du allerdings auch in der Fachliteratur, dort kannst du noch „Expose to the right“, „ETTR“ oder „Nach rechts belichten“ suchen.
      Die Begriffe waren mir damals noch gar nicht geläufig, weil ich dieses Phänomen für mich selbst herausgefunden hatte.

      Also nein, ich kann deine Aussage nicht bestätigen und rate weiterhin dazu überzubelichten, natürlich nur so weit, dass in den Spitzlichtern nix ausgefressen ist.

      Viele Grüße
      Marc

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