Klimaschutz: Wir machen es falsch – ich sag dir warum. [Update 2021]

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In diesem Artikel geht es nur indirekt um Reisen und überhaupt nicht um die Fotografie. Es geht um den Klimaschutz, das heiße Thema derzeit. Ich bin jedoch der Meinung, dass wir das Thema komplett falsch und kurzsichtig angehen. Warum, erfährst du in diesem Beitrag.

    Ich bin übrigens Marc, begeisterter Papa, Blogger, YouTuber, Foto- und Reisefuzzi.
    Mehr über mich findest du hier. Und hier findest du meine aktuelle Fotoausrüstung.

    Du hast Fragen, Anregungen...?
    Schreib mir: marc@reisezoom.com

    Update 2021:
    Eigentlich wollte ich so kurz vor der Bundestagswahl nochmals einen Text zu dem Thema schreiben, aber tatsächlich habe ich in diesem Beitrag aus 2019 schon vieles gesagt. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass wir mit Verboten und Verhaltensänderungen nicht viel bewegen können und wir stattdessen auf nachhaltige Kraftstoffe setzen sollten. Aber fangen wir einfach mit dem Beitrag aus 2019 an, hier und da werde ich ihn ergänzen. Schließlich schrieb ich den Beitrag damals ohne große Recherche frei von der Leber, in der Zwischenzeit habe ich aber viel dazugelernt.

    Nachhaltiges Reisen, nachhaltiges Leben – Nachhaltigkeit hier, Nachhaltigkeit da. Ich kann es nicht mehr hören!
    Muss plötzlich jeder auf diesen kurzsichtigen Mist aufspringen? Sorry, wenn ich jetzt dem einen oder anderen auf die Füße trete. Ich lese eure Blogs wirklich gern, aber wenn ich den x-ten Blogpost sehe, wo sich jemand auf die Schulter klopft, weil er dieses Jahr mit dem Auto auf Reisen geht, statt in den Großraumjet zu steigen, frage ich mich echt, was das soll!?

    Nicht falsch verstehen, Klimaschutz und Umweltschutz sind wichtig. Ich habe drei Kinder und wünsche mir, dass unsere Erde auch noch für sie so schön und bewohnbar ist, wie sie es für mich ist. Aber das funktioniert leider nicht, wenn wir uns gegenseitig auf die Schulter klopfen, wie nachhaltig wir gerade sind.

    Das bringt nämlich nichts. Gar nichts!
    Nur weil du dieses Jahr nicht in den Flieger steigst, rettest du das Klima nicht. Und komme mir jetzt bloß nicht damit, dass das eben jeder machen müsste.

    Es macht nicht jeder. Punkt!
    Ja, selbst wenn alle Deutschen oder alle Europäer dazu gezwungen werden, nicht mehr zu fliegen. Auch das bringt nichts!
    Oder denkst du etwa, dass all die Menschen aus den Schwellenländern, die sich das Reisen plötzlich leisten können, es nicht machen werden?

    Ich denke nicht. Klar werden sie das tun!

    Außerdem ist es nur ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn wir auf Flugreisen verzichten. Autofahren ist auch nicht klimafreundlich, auch ein Elektroauto nicht. Ersten ist die Herstellung der Batterie sehr energieaufwändig und zweitens muss das Auto auch betankt werden. Rechnet man das mit unserem aktuellen Strommix durch, schneiden moderne Diesel bei 150 tkm Laufleistung in Sachen CO2 auch nicht schlechter ab.
    Spannend wird es erst, wenn das Auto komplett mit Ökostrom hergestellt und betankt wird. Und genau hier kommen wir langsam zum interessanten Punkt in Sachen Klimaschutz.

    Ein Elektroauto ist also nur sinnvoll, wenn es mit Ökostrom hergestellt und betrieben wird. Eigentlich logisch, oder?
    Aber wie lange wird es wohl dauern, bis alle Fahrzeuge der Welt so hergestellt und betrieben werden?
    Ewig!

    Und die Mobilität ist ja nur ein Punkt. Was ist mit Heizungen? Klimaanlagen? Industriebetrieben? Schiffe, Züge usw.
    All das braucht Energie und wird es für immer und ewig brauchen!

    Update 2021:
    Was ich 2019 nur am Rande erwähnte, was aber der allerwichtigste Punkt überhaupt ist: Wir Deutschen oder wir Europäer retten das Klima nicht allein!
    Deshalb glaube ich auch nicht, dass wir eine Vorbildfunktion für CO2-neutrales Verhalten einnehmen sollten, viel mehr sollten wir nachhaltigen Produkten (und damit meine ich alles!) über den Preis attraktiv machen. Weltweit!

    Klimaschutz: So funktioniert es!

    Eigentlich ist es total einfach. Statt unsere Häuser mit Sondermüll zu dämmen, statt auf Flugreisen zu verzichten und statt die ganze Welt auf Elektroautos umzustellen, sollten wir besser an den Kraftstoffen arbeiten.

    Sind unsere Kraftstoffe nachhaltig, können wir heizen und fliegen und fahren und … so lange und viel wir wollen. Wir müssten nicht mehr dämmen und müssten auch keine neuen Autos herstellen. Allein das wäre schon eine enorme Energieeinsparung … die aber gar nicht mehr so wichtig wäre.

    Wie wäre es also, wenn Flugzeuge mit Biokerosin fliegen würden? Wie wäre es, wenn wir mit Bioheizöl oder Biogas heizen würden? Wie wäre es, wenn wir an der Tankstelle statt fossile einfach nachhaltige Kraftstoffe tanken könnten?

    Wäre das nicht genial? Könnten dann die Menschen aus den Schwellenländern nicht auch plötzlich reisen, könnten wir ohne Verzicht nicht weiterleben? Für mich klingt das viel viel besser als alles, was ich im Freundes- und Bekanntenkreis und in der Bloggerszene gerade über Nachhaltigkeit lese und höre.

    Denn das wäre tatsächlich nachhaltig. Damit würde nicht nur ein bisschen weniger fossiles CO2 in die Luft gepustet werden, sondern gar keines mehr.

    Und jetzt kommt das beste überhaupt!
    All das ist viel leichter zu erreichen, als die ganze Menschheit umzuerziehen. Viele Technologien gibt es schon (eigentlich alle) es muss nur politisch gewollt werden!

    Schon 2011 unternahm die Lufthansa einen Testflug mit Biokerosin. Funktioniert, ist nur zu teuer. Aha! Ich würde sagen fossile Kraftstoffe sind in diesem Fall zu billig!

    Oder was ist aus Desertec geworden? Ist doch eine super Idee Strom oder Wasserstoff oder oder oder … in der Wüste zu erzeugen. Aber auch das ist politisch nicht gewollt. Jaha, da liest man dann, dass man den Strom nicht von instabilen Staaten beziehen will. Gleichzeitig baut man aber Pipelines zu lupenreinen Demokraten, um fossiles Erdgas zu verbrennen. Klingelt’s?

    Oder schon mal in Brasilien gewesen? Dort ist es ganz normal, dass man an der Zapfsäule Kraftstoff mit 85% Bioethanol bekommt. Und das nicht erst seit gestern.

    Natürlich stecken viele dieser Entwicklungen noch in den Kinderschuhen oder lassen sich nicht so einfach skalieren, um die ganze Menschheit zu versorgen. Unmöglich ist das aber nicht.
    Nein, tatsächlich ist es viel leichter zu erreichen, als die ganze Menschheit zum Verzicht zu zwingen.

    Also lasst uns gemeinsam ein Bewusstsein dafür schaffen, dass sich der politische Wind dreht, um endlich auf wirklich nachhaltige Energie umzuschwenken. Auf etwas Dauerhaftes! Auf etwas, das wirklich funktioniert! Auch mit Wachstum, nicht mit Verzicht!

    Update 2021:
    Habe ich 2019 aus Unwissenheit noch viel von Biokraftstoffen gesprochen, so bin ich jetzt eher der Meinung, dass man mehr auf synthetische Kraftstoffe, die durch Power to Liquid (PtL) oder Power to Gas (PtG) hergestellt werden, setzen sollte. Biokraftstoffe haben definitiv ihre Berechtigung, aber allein damit wird es eng.
    PtL oder PtG könnte man z.B. aus überschüssigem Wind oder Solarstrom herstellen. Im richtig großen Stil lässt sich das aber nur in sehr sonnigen Regionen bewerkstelligen, was die Idee von Desertec in mir wieder aufkeimen lässt. Wenn man das wirklich will, gibt es auf jeden Fall Lösungen, allzu tief möchte ich in das Thema hier jetzt nicht einsteigen. Machbar ist es auf jeden Fall.
    Wichtig ist unterm Strich, dass es ausreichende Mengen des Kraftstoffs gibt und dass dieser weltweit günstiger ist als fossile Kraftstoffe. 
    Schaffen wir das, wird man auch in Tunesien, Peru, Bangladesch, China, den USA usw. die nachhaltigen, synthetischen Kraftstoffe verfeuern, statt Kohle, Gas und Öl!

    Ja, das dauert, aber nur in Deutschland Verzicht zu predigen oder sogar vorzuleben bringt global auch nicht sofort den großen Ruck, vielleicht sogar nie!
    Außerdem wäre PtL und PtG gleichzeitig eine Art von Carbon Capturing and Storage, da die Krafstoffe ja nach der Herstellung nicht sofort wieder verbrannt werden.
    Generell bin ich der Meinung, das Carbon Capturing kein Tabuthema bleiben darf. Aber auch das würde jetzt zu weit führen.

    Es gibt noch viele andere Stellschrauben, um zu einem komplett nachhaltigen Leben zu kommen, aber wie gesagt, ich will hier nicht zu tief einsteigen. Trotzdem noch ein paar Stichpunkte, zum Nachdenken:

    • Sharing Economy:
      Das kann man wunderbar auf den Individualverkehr anwenden. Die meisten Autos stehen nur rum. Eine unfassbare Ressourcenverschwendung, da die Herstellung einen Großteil der Gesamtenergiebilanz eines Fahrzeugs ausmacht. Besser wäre es also, Autos intelligent zu teilen. Kurz: Wenn man die Auslastung jedes einzelnen Fahrzeugs erhöht, brauchen wir insgesamt weniger Fahrzeuge ohne Einbusen bei der Mobilität hinnehmen zu müssen.
      Viele gute Ideen und noch andere Punkte werden in in diesem Podcast besprochen.
      Ich bin generell in vielen Punkten einer Meinung mit Daniel Stelter, auch in im letzten Podcast vor der Bundestagswahl ging es um die Klimapolitik.
    • Die Cradle to Cradle Kreislaufwirtschaft:
      Produkte müssen so hergestellt werden, dass sie recycelt werden können, und zwar wirklich recycelt! Was wir im Moment machen ist oft Downcycling. D.h., wir stellen aus „altem“ Kunstsoff neuen, aber minderwertigeren Kunststoff her. Das ist besser als nichts, auf Dauer aber nicht gut. Deshlab sollte direkt bei der Herstellung darauf geachtet werden, dass mit Materialien gearbeitet wird, die entweder biologisch abbaubar sind oder die sich recyceln lassen. Bspw. wären im Bau Holz und Stahl solche Materialien.
      Auch dazu gibt es einen guten Podcast von Tim Pritlove mit Michael Braungart.
    • Landwirtschaft als Erhalt der Kulturlandschaft
      Gerade bei der Landwirtschaft gibt es irre viele Ansatzpunkte. Weniger Fleisch, regionale, saisonale Produkte usw. Alles Punkte, die in der Zwischenzeit jeder weiß. Was ich aber super wichtig finde ist, dass die Bauern dafür zuständig sind die Landschaft in der wir leben, zu erhalten und so zu pflegen bzw. zu bewirtschaften, dass die Biodiversität erhalten bleibt. Dafür sollten wir ihnen dankbar sein und sie darin unterstützen. D.h. wir müssen für Dinge wie die Grünstreifen neben den Feldern bezahlen, damit es sich für den Bauern lohnt diese zu erhalten. Ansonsten pflügt er diese um, und pflanzt etwas an, dass er verkaufen kann.
    • Mehr Software, statt Hardware (oder imaterielle Dinge, statt materielle Dinge):
      Smartphonehersteller, Kamerahersteller usw. verdienen mit dem Verkauf von Hardware ihr Geld. Ok, kann man irgendwie verstehen.
      Aber Lampenhersteller (im Sinne vom Leuchtmittel) verdienen mit dem Verkauf von Lampen ihr Geld. Hm … wäre es nicht sinnvoller, wenn sie mit dem Verkauf von Licht ihr Geld verdienen?
      Kurz: Wenn der Lampenhersteller mit Lampen sein Geld verdient, ist er daran interessiert, das ich immer wieder neue Lampen kaufen muss. Eigentlich will ich aber gar keine Lampen, sondern Licht! Wie wäre es also, wenn ich direkt für das genutzte Licht bezahlen würde, statt für die Lampe. Dann wäre der Hersteller plötzlich daran interessiert, dass er aus einer Lampe möglichst lange Licht herausholen kann, weil er sie sonst auf seine Kosten auswechseln muss.
      Aber auch bei den Smartphone-, Kamera- und anderen Herstellern ist es oft so, dass ein neues Modell auf den Markt kommt, welches im Prinzip nur aus Softwareupdates besteht. Das liegt daran, dass wir uns daran gewöhnt haben, dass Softwareupadates kostenlos sind. Die Hersteller müssen aber natürlich Geld vedienen!
      Kurz: Wir sollten weg von der Hardware und mehr für den konkreten Nutzen bezahlen. Wenn meine alte Kamera durch ein Softwareupdate auf den neusten Stand gebracht werden kann ist das doch super und das darf dann ruhig auch was kosten. Zu dem Thema habe ich sogar schon ein Video veröffentlich.

    Uiii, jetzt wurde der Beitrag doch deutlich länger, als ursprünglich gedacht. Dabei sind das nur Denkansätze, die sich nach meiner Meinung aber lohnen weiterverfolgt zu werden. Klar bringen diese auch viele neue Probleme mit sich, z.B. bei der Sharing Economy muss man sich fragen, wem bspw. die Fahrzeuge gehören. Hier könnte man über Genossenschaften nachdenken usw. aber dieses Fass mache ich jetzt nicht mehr auf.
    Außerdem meine ich natürlich nicht, dass man nicht an der Effizient arbeiten sollte, nur weil wir nachhaltige Kraftstoffe haben. Elektroautos sind auf lange Sicht bei der Kurz- und Mittelstrecke effizienter als erste aufwendig den Kraftstoff für Verbrenner herzustellen. Nur dauert es halt ewig die ganze Welt auf Elektromobilität umzustellen. Aber gut, schluss jetzt! 🙂

    Viel Spaß beim Nachdenken!